Das Theater Hausruck greift das Motto des diesjährigen Ars Electronica Festivals, „origin – wie alles beginnt“, dort auf, wo die Grenzen zwischen Wissenschaft, Parawissenschaft und Mythologie, zwischen Wissen und Glauben fließend werden. Es lädt alle Interessierten zu einer Wanderung in diesem Grenzbereich ein, den es exemplarisch auf dem Pettenfirst, einer bewaldeten Hügelkette im Hausruck, an der Grenze der Gemeinden Zell am Pettenfirst und Ottnang am Hausruck verortet.
Dort errichtet das Theater Hausruck ein interdisziplinäres Forschungs- und Bildungscamp, an dem sich tagsüber WissenschafterInnen unterschiedlicher Disziplinen (Astronomie, Medizin, Biologie, Philosophie, …) gemeinverständlich an grundlegenden Menschheitsfragen abarbeiten. In Arbeitsfrühstücken, Vorträgen und Exkursionen stehen sie Interessierten allen Alters Rede und Antwort. Das Kinderprogramm weckt das Interesse der jungen ForscherInnen an den Wildtieren des Hausrucks (Wildkatzen, Vögel, …) sowie an der Geschichte der Region.
Des Nachts weicht das Licht der Aufklärung dem Dunkel der Mythologien. Das Publikum wandert durch den Hausruckwald und wird in einer Theater-Installation rituell mit den Grenzbereichen der Wissenschaften, mit Okkultismus, regionalen und weltumspannenden Mythen konfrontiert. Die Hüterinnen und Hüter dieses „Wissens“ wohnen in einer Zeltstadt am Pettenfirst, in deren Mitte ein schwarzer Würfel das Geheimnis des Ursprungs birgt.
Volksuniversität in der Unruheprovinz
Der Hausruck, ein stark bewaldeter Mittelgebirgsrücken mitten in Oberösterreich, war einst berühmt für seine Bergbautradition und seine Bodenschätze: neben Braunkohle, Erdgas und Erdöl entdeckte man sogar vereinzelte Goldadern. Noch mehr Schätze aber birgt der Untergrund des kollektiven Gedächtnisses in der Region Hausruck. Mythen und Gerüchte überlagern historische Ereignisse, deren Auswirkungen bis heute spürbar sind. Bauern-, Religions- und Weltkriege prägten den Hausruck ebenso wie die Revolte der Bergarbeiter, der nationalsozialistische Wahnsinn oder die Unbeugsamkeit eines um Asyl werbenden jungen Mädchens (der so genannte Fall „Arigona“). Nicht ohne Grund gilt der Hausruck bis heute als Unruheprovinz.
Genau hier also begeben sich Ars Electronica und Theater Hausruck auf die Suche nach dem Beginn, nach dem Grund und Sinn der Welt. Es ist ein (para)wissenschaftliches und (theater)archäologisches Experiment, das am 1. September 2011 in den Wäldern des Hausrucks startet. Eine opernhafte Prozession zwischen Vergangenheit und Zukunft, Tradition und Fortschritt, Himmel und Erde. Dreh- und Angelpunkt dabei ist eine Aufsehen erregende Fundstelle am Pettenfirst, dem Dach des Hausruck, gleich neben einem Jahrhunderte alten Hirtenhaus. Am Ende eines Weges, genannt die „Himmelsleiter“, finden sich renommierte WissenschafterInnen und AmateurforscherInnen unterschiedlicher Disziplinen ein. Gemeinsam mit Menschen aus der Region und BesucherInnen diskutieren sie tagsüber zentrale Fragen der Menschheit oder erforschen Natur und Geschichte der Region. Der Bogen spannt sich vom täglichen Forscherfrühstück bis zu Fachvorträgen, Diskussionen, Expeditionen in die Fauna und Flora des Hausrucks sowie einem bunten Kinderprogramm zwischen Literatur, Naturabenteuer und historischen Erkundungen. Das Theater Hausruck entwickelt sich mit der Etablierung dieser Volksuniversität in der Berghütte vom Wissensvermittler zum Wissenschaftsvermittler weiter – und entgrenzt damit einmal mehr den herkömmlichen Theaterbegriff. Als kultureller Dienstleister im umfassenden Sinn strebt das Theater Hausruck nicht nur nach Teilhabe an der Kunst- und Kulturproduktion für möglichst viele, sondern forciert auch die Demokratisierung des (wissenschaftlichen) Wissens. Details zum Wissenschafts- und Kinderprogramm siehe weiter unten.
Nächtliche Rückkehr der Mythen
Mit Einbruch der Dunkelheit besinnt sich das Theater Hausruck seiner Stärken als Illusionsmaschine und entzündet am Pettenfirst buchstäblich ein mythologisches Feuer. Den Weg auf den Bergrücken und das Areal rund um die Pettenfirsthütte säumt eine Zeltstadt. In den einzelnen Zelten stößt das Theaterpublikum auf die Grenzbereiche wissenschaftlich gesicherten Wissens, wo Alltagslegenden, Glaubens„wahrheiten“, Verschwörungstheorien und Geheimniskrämerei fröhliche Urständ feiern. Das Tageslicht der Aufklärung ist dem flackernden Zwielicht einer ritualisierten Mythendämmerung gewichen. In ihr vermengt sich das vermeintlich streng Getrennte: Astronauten und Operndiven, Allegorien und Algorithmen. Ein Maskenball des Halbwissens. Ein Gewirr an Stimmen, in das sich auch zeitgemäße Empörung und Revolutionsbegehren mischen.
Über das Theater Hausruck
Seit 2005 bearbeitet das Theater Hausruck gesellschaftliche Problemzonen und ihre regionalen Ausprägungen. Markenzeichen ist eine akribische, nahezu archäologische Herangehensweise an diese Stoffe. Bei allen seinen Projekten bezieht das Theater Hausruck Film, Performance, Literatur sowie den wissenschaftlichen und politischen Diskurs mit ein und nutzt multimediale Ausspielwege, insbesondere Social Media, um auch eine event-ungebundene Rezeption zu ermöglichen.
Nationale Auszeichnung wie der Nestroy-Preis 2005 sowie Einladungen zu internationalen Theatertreffen, Festivals und Symposien bestätigen die Zeitgenossenschaft, Relevanz und künstlerische Qualität der Theater Hausruck Projekte.
Das Theater Hausruck und das Ars Electronica Festival bedanken sich bei den Gemeinden Ottnang am Hausruck, Zell am Pettenfirst und Wolfsegg am Hausruck sowie bei deren Bevölkerung, bei Vereinen und Organisationen für die großartige Unterstützung des Projekts NEULAND.
Wir bedanken uns auch bei unserem Hauptsponsor der Produktion NEULAND, der VOESTALPINE !!